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Leseprobe


1934. Elises Gegenspieler,  der sadistische Obersturmbannführer Wangenheim, mittlerweile großes Tier bei der Gestapo, hat Elise Harnacks Ehemann Wolf verhaften lassen. Wangenheim hat in der Vergangenheit zweimal schmerzhaft den Kürzeren gezogen gegen Elise. Er hasst sie und bewundert sie und ihre Standhaftigkeit gleichzeitig. Nun will er sich rächen. Will er auch mehr? Bei ihm zuhause soll Elise -
" freiwillig" - um das Schicksal ihres Mannes kämpfen, mit allen Risiken.
Er lädt sie in ein von ihm beschlagnahmtes Haus in Berlin, Klein-Glienecke, ein, deren Besitzer – Juden – gerade geflohen sind.  Elise weiß, auf was sie sich da einlässt, aber die Loyalität zu ihrem Mann lässt ihr keine Wahl. Verzweifelt glaubt sie daran, dass hinter dem brutalen Machtmenschen Wangenheim irgendwo ein Mensch versteckt sein muss. Diesen Menschen zu entdecken und damit dem Strafgericht zu entkommen, ist ihre- einzige – Hoffnung, als sie im Wagen des Gestapochefs vor der Villa vorgefahren wird. Wangenheim wartet auf den Stufen des Hauses.




   Während der Fahrer um den Wagen herumlief und ihr die Tür aufhielt, ließ Elise sich zurückfallen, bis sie die Sitzbank mit dem Nacken spürte
   Gib mir Kraft! Gib mir Stärke!
   Sie wusste nicht wirklich, wen sie da in Gedanken um Hilfe anrief, vielleicht ein zweites stärkeres Ich, vielleicht Wolf, vielleicht sogar Gott. Sie hörte, wie der Chauffeur die Hacken zusammenknallte und militärisch laut „Wir sind da“ sagte. Sie spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre Handballen gruben und drückte noch fester zu.
   Es war der Schmerz, der sie aus ihrer Lethargie riss. Sie konnte gar nicht genug bekommen von ihm, weil sie spürte, wie der Schmerz ihr Gehirn marterte und leermachte.
   Dann, endlich, war es vorbei. Sie öffnete die Augen und fühlte das Blut pulsen. Ich bin wieder Ich-selbst dachte sie erleichtert.
   Danke.
   Sie stieg aus. Während sie ausstieg, warf sie einen kurzen Blick auf ihre Hand, erwartete fast, dass sie blutig war, aber das war sie nicht, erstaunlicherweise war kaum etwas zu sehen. Hatte sie sich den Schmerz nur eingebildet?
   Sie blickte Wangenheim erst an, als sie direkt vor ihm stand. Er wirkte nicht so groß und wuchtig, wie sie ihn Erinnerung hatte. Vielleicht lag es daran, dass er nicht in Uniform war. Aus dem dicken Kommandeur des Kriegsgefangenenlagers in Petersborn, über dessen Hemdkragen sein Stiernacken gequollen war, war ein Zivilist geworden, jedenfalls äußerlich, mit Falten, die die Jahre sichtbar machten. Wenn die reptilienhafte Unruhe in seinem Blick nicht gewesen wäre, hätte er eher einem Buchhändler geglichen, der inmitten seiner bis an die Decke gestapelten Bücher auf Kunden wartete. Erst jetzt bemerkte Elise den dunklen Fleck über seiner Oberlippe.
   Er trug eine an den Knien leicht verbeulte dunkelbaue Hose, die von Hosenträgern gehalten wurde, darunter ein kariertes, am Hals offenstehendes Hemd, darüber eine genoppte Strickjacke mit kleinen bunten Ziegenböcken darauf. Er will mir zeigen, dass er ein Mensch ist, dachte sie, und mochte nicht darüber nachdenken, warum Wangenheim das tat. Wie auch immer, bei ihm hatte alles einen Grund. Das hatte sie inzwischen gelernt.  
   Wangenheim gab dem Fahrer ein knappes Zeichen, worauf dieser den Motor anließ und mit leise knirschenden Reifen davonfuhr.
   Als Stille einkehrte, standen sie immer noch voreinander und sahen sich an. Wangenheims Gesicht war undurchdringlich, während Elise das Gefühl hatte, dass dieser Kerl, dieses Ungeheuer, ihre Gedanken lesen konnte, wie er gerade wollte. Sie schloss noch einmal die Faust, bis sie den Schmerz wieder spürte.
   „Willkommen in Klein-Glienicke“, sagte Wangenheim mit einem leutseligen Anflug in der Stimme, „ich hoffe, man hat Sie zuvorkommend behandelt.“
   „Es wäre schön“, schnappte sie, „wenn man auch meinen Mann zuvorkommend behandeln würde.“
   „Das liegt ganz an Ihnen“, sagte er leise, und der dunkle Fleck tanzte über seiner Oberlippe, „das liegt ganz an Ihnen.“ Dann machte er eine schwungvolle Geste und wies auf die offenstehende Haustür. „Ich denke, wir gehen hinein, es ist ein gemütliches Haus, Sie werden sehen. Ich denke, dieses Mal werden sie meine Gastfreundschaft ungestört genießen können.“ Für einen kurzen Moment schwebte schwach und fern das Bild ihres Schwagers Georg Grahn, der sie seinerzeit zweimal vor Wangenheim gerettet hatte, vor ihren Augen. Nun, jetzt war sie tatsächlich auf sich allein gestellt, kein weißer Ritter in Sicht. Sie sah, dass Wangenheim diese Gewissheit genoss.
   Innen öffnete sich der Windfang zu einem Flur, der leer war, aber nicht so wirkte, da ein riesiger mit rot-blauen Ornamenten geknüpfter Perserteppich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Aus einem Bleiglasfenster, das eine Ansicht von Potsdam zeigte, strömte warmes rötlich- gelbes Licht herein. Das Ganze machte einen überraschend kultivierten, gemütlichen und ausgesprochen soliden bürgerlichen Eindruck, den Elise so nicht erwartet hatte. Zumindest nicht bei Wallenstein. Eine breite Tür führte in den Wohnbereich, ein etwas düsteres Zimmer mit dicken gepolsterten Ledersesseln und einem Biedermeierschreibtisch quer vor dem Fenster. Die Schreibtischplatte war leer bis auf eine Behördenakte und eine Gipsskulptur, die drei Affen zeigte, die sich Mund, Augen und Nase zuhielten – nicht sagen, nichts sehen, nichts hören -. Na, das trifft sich ja, dachte Elise grimmig.
   „Und hier, das Damenzimmer“, sagte Wangenheim und führte sie stolz durch eine Schiebetür in den benachbarten Raum. Alles Biedermeier, alles Mahagoni. Überall großbürgerliche Gediegenheit. Über einem roten Sofa mit geschwungener Rücklehne hingen, locker in Reih und Glied, etwa zwanzig Personenporträts an der Wand, gemalt, gezeichnet, fotografiert, jedes Bild in einem individuell gestaltetem Rahmen.
   „Ihre Familie?“, fragte Elise erstaunt.
   Wangenheim lachte grimmig. „Um Gottes Willen, nein, das muss alles schnell verschwinden, minderwertiges Krams, wie die Leute, die hier gewohnt haben.“
   Es stellte sich heraus, dass Wangenheim das Anwesen erst vor einigen Tagen übernommen hatte. „Schönes Haus, nicht wahr? Gehörte einem gewissen Lippmann, Professor Lippmann“, er lachte verächtlich, „na, diese jüdische Blase hat sich das Geld und die Titel zugeschanzt, das wissen wir ja. Er hatte hier im Ort ein Institut für angewandte Psychologie gegründet, aber das kennen wir ja, sich erst in die Gehirne der Leute einschleichen, und dann in ihre Geldbeutel, ha, ha, ha.“
    Elise schwieg. Ekel erfüllte sie. Sie blickte Wangenheim starr an, der dies fälschlicherweise für Interesse hielt und weiter schwadronierte: “Wir hatten den krummen Hund natürlich gleich im Visier, und, siehe da, als wir eine Haussuchung gemacht haben, fanden wir im Keller einen Koffer mit kommunistischen Flugblättern...“
   „... wie ich Sie kenne, haben Sie die Leute natürlich sofort verhaften lassen...“
   „Hätten wir gern, hätten wir wirklich zu gern.“ Wangenheim wollte sich ausschütten vor Lachen. „Aber wir waren zu langsam. Plötzlich, über Nacht, hat der sogenannte Herr Professor Fersengeld gegeben und alles so zurückgelassen, wie Sie es jetzt sehen.“
   „Und Sie haben es sich genommen.“
   „Es gehört dem deutschen Volk“, sagte er beiläufig.
   „Und Sie sind der Vollstrecker des deutschen Volkes.“ Sie meinte es ironisch, aber Männer wie Wangenheim waren nicht geschaffen für Ironie.
   Wangenheim lächelte geschmeichelt. „Das Schlimme ist, dass man Ihnen nichts vormachen kann. Noch schlimmer ist, dass sich das seit zwanzig Jahren nicht geändert hat.“
   Sie drehte die Hände nach oben. „Und das ärgert Sie.“
   Wangenheim stieß ein wieherndes Lachen aus und bleckte seine langen Zähne. „Was heißt ärgern? Keine Frau hat mich je so zur Weißglut gebracht. Und jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, musste ich Niederlagen einstecken. Und ich habe nicht viele Niederlagen einstecken müssen. Es war, als ob Sie der schlechte Geist waren, der mich in meinem Fortkommen hindern wollte. Und es sogar geschafft hat! Aber dieses Mal läuft es anders, dieses Mal bin ich gewappnet. Und ich will es wissen. Wenn Sie so wollen, will ich das Glück zwingen, den bösen Geist verbannen. Entweder Sie helfen mir dabei oder nicht. Das liegt bei Ihnen. Eine menschliche Beziehung finden, können Sie sich das vorstellen? Ganz privat... vertrauensvoll...“
   „... und liebevoll, das ist es doch, was Sie meinen.“ Ihr Mund war trocken.
   Wangenheim schwieg. Sie sah, dass er etwas sagen wollte, aber er sagte nichts und hing seinen Gedanken nach.
   „Ist eigentlich das Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Papst abgeschlossen?“ Sie wusste nicht, wieso ihr diese Frage gerade jetzt in den Sinn kam.
   Er fuhr aus seinen Gedanken auf. „Ja... natürlich... letzte Woche... der Nuntius war doch extra in Berlin... warum fragen Sie?“
   „Hätten Sie sonst, ohne das Konkordat, auch Christen verfolgt? Weil Sie gegen das Reich konspirieren? Aber dafür reichten die paar Gefängnisse wohl nicht aus...“
   Er schnaubte. „Ich weiß immer noch nicht, wann Sie es ernst meinen, oder ob Sie sich über mich lustig machen. Aber über zu kleine Gefängnisse brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Die sind das geringste Problem. Man braucht nur eine große Wiese, Stacheldraht und ein paar Baracken. Und Wachtürme natürlich. Und fertig sind die Schutzhaftlager. Hier konzentrieren wir die Schädlinge. In Schutzhaft, ha, ha.“
   „Fragt sich nur, wer schützt wen vor wem.“
   „Das lassen Sie mal unsere Sorge sein“, bellte er, und sie sah, dass er sich ärgerte, dass sie es ihr nun schon wieder gelungen war, ihn aus der Fassung zu bringen.
   Während er versuchte, seine innere Contenance wieder zu finden, dachte sie an Mendelssohn, den kleinen traurigen Mann aus dem Zug, der den Auftrag gehabt hatte, den Papst um Hilfe für die Juden anzugehen. Um den Preis des geplanten Konkordates. Nun, kleine Juden, die sich im Gepäcknetz über die Grenze schmuggeln lassen mussten, waren anscheinend nicht gerade das, was die Zeit, in der Menschenleben über den großen nationalsozialistischen Daumen taxiert wurden, erforderte. Jetzt, im Nachhinein, und auf einem Küchenstuhl einem der Häscher der Bewegung gegenüber sitzend, wurde ihr bewusst, wie naiv Mendelssohn gewesen war. Und wie naiv sie, Elise, immer noch war.    
   Immerhin, trotzt allem hatte sie das Leben dieses kleinen Mannes, der selbst nicht wusste, was er glauben sollte, gerettet. Wahrscheinlich wäre er als einer der ersten in einem der Lager auf der grünen Wiese verschwunden. Sie konnte nur hoffen, dass er klug genug gewesen war, gleich im Ausland zu bleiben. Vielleicht würde er sogar die Eigentürmer dieser Villa irgendwo in der Fremde treffen. Gut, dass er nicht wusste, dass sie hier saß und gute Miene zum bösen Spiel machte.
   Sie schrak auf, als Wangenheim in einem neuen, neutralen Ton sagte: „Wie auch immer. In den nächsten Tagen wird hier erst einmal reiner Tisch gemacht, diese Bildersammlung, diese Porträts, es wird einem ja übel, wenn man sich das biedere Getue ansieht. Juden und kommunistische Flugblätter im Keller. Ein Sauladen, aber auch hier werden wir aufräumen!“
   Elise sah mit Ekel aber auch mit Sorge, dass Wangenheims Gehabe sich gewandelt hatte. Seine Tarnung als Biedermann bröckelte. Die Bestie war wieder los. Sie, Elise, würde sich jedes Wort, das sie sagte, doppelt überlegen müssen, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte. Aber immerhin, sie wusste nun, dass dieser Mann als kultivierter Bürger wahrgenommen werden wollte. Erst recht von ihr, der großbürgerlichen Tochter. Er würde mit ihr auf einer Stufe stehen wollen, hoffte auf Anerkennung in seiner neuen Rolle, wollte endlich angekommen sein. War das ihre Chance? Wenn sie der Bestie gab, was die Bestie wollte? Anerkennung in seiner neuen Rolle als honorigen und wohlhabenden Bürger? Möglich. Sogar wahrscheinlich. Wenn sie dem Affen Zucker gab, konnte sie ihn womöglich am Nasenring durch die Manege führen...
   Aber sie wusste, selbst wenn ihre Mutmaßungen richtig waren, wandelte sie auf einem schmalen Grat. Ein falscher Schritt, und er würde sich nicht ernst genommen fühlen. Dann würde sie es doppelt zu spüren bekommen. Und Wolf erst recht.
   Ich muss ihn reden lassen, überlegte sie. Auch wenn sich mir der Magen umdreht vor Ekel. Solange er redet, kann ich nichts Falsches sagen. Solange er redet, fühlt er sich wichtig. Je wichtiger er sich fühlt, desto sorgloser wird er sein, und desto größer werden meine Chancen. Es war das alte Spiel. David gegen Goliath. List gegen dumpfe Gewalt.
   Das alles waren komplizierte Gedanken. Vielleicht zu kompliziert. Zu kompliziert für diesen gefühllosen Klotz. Und doch, sie hatte bei ihm eine Schwäche entdeckt, und das gab ihr Hoffnung. Und nahm ihr die Angst.
  „Möchten Sie einen Tee?“, fragte er, „Allerdings wüsste ich nicht...“
   „Ich könnte ihn machen“, erwiderte sie erleichtert, dass das Banale sie wieder hatte. „Wenn Sie mir zeigen, wo die Küche ist. Gibt es hier irgendwo eine Küche?“
   Es gab eine Küche in einem seitlichen Anbau. Sie war liebevoll eingerichtet. Delfter Kacheln, ein weißlackierter Schrank mit bunten Glasscheiben, ein riesiger Tisch mit rotweißkarierter Tischdecke, gemütliche Kapitänsstühle, weiße geraffte Gardinen, die den Blick in den Obstgarten freigaben.
   „Bitte bedienen Sie sich, ich denke, es ist noch alles an seinem Platz“, sagte Wachenheim, setzte sich ans Kopfende des Tisches, streckte die Beine aus und war sichtlich mit sich zufrieden. Elise erinnerte er an einen Kater, der die gefangene Maus in die Ecke getrieben hatte und sich nun die Zeit mit ihr vertrieb, bevor er ihr mit einem Biss des Genick brach und seinem Herrchen die Beute stolz vor die Füße legte.
   Elise öffnete die Schranktür. Sie sah die Fotos sofort. Sie waren unterhalb der Scheiben auf das lackierte Holz geklebt. Es waren Fotos von Kindern. Zwei kleine Mädchen in weißen Kleidern, sie hielten Puppen auf dem Arm und strahlten in die Kamera. Im Hintergrund das Haus mit einem Sonnenschirm auf der Terrasse und einer lachenden Frau in weißen Hosen, die im Hintergrund in einem Blumenbeet stand und einen Strauß Margeriten in der Hand hielt.
   Elise schloss die Tür. Ihr Mund fühlte sich vertrocknet an. „Wenn ich mir es recht überlege“, sagte sie um eine normale Stimme bemüht, „wenn ich es mir recht überlege, genügt mir doch ein Glas Wasser.“
   Sie nahm ein Glas aus einem Regal, hielt es unter den Wasserhahn und trank in einem Zug. Langsam, quälend langsam, verblassten die Fotos der fröhlichen Mädchen vor ihren Augen. Sie dachte an die Tragik, die sich hinter ihnen verbarg, und der Gedanke, dass sie jetzt hier saß, erfüllte sie mit Scham.
   „Setzen Sie sich doch zu mir“, sagte Wachenheim.
   „Ich frage mich“, sagte Elise leise, „wie Sie das aushalten.“
   „Wie? Aushalten?“
   „Ich meine, dass Sie grundlos Leute verhaften, die niemandem etwas getan haben, dass Sie Leute verjagen und sich in fremden Häusern breitmachen.“ Sie sah, dass er grinste. „Ich denke, man muss doch ein schlechtes Gewissen haben, das ist doch wohl das Mindeste... jedenfalls, wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist.“
   Wachenheim lächelte immer noch, aber seine Lippen waren jetzt dünn.
   „Ein schlechtes Gewissen, Gnädigste, muss ich haben, wenn ich etwas Böses täte, etwas, das unserem Vaterland schadet. Soll ich ihnen mal vorlesen, was ich eigentlich müsste? Statt Sie sogar zu Hause und in meiner Freizeit zu empfangen?“ Er klappte ein in Leder gebundenes und mit Metallecken versehenes Buch auf. „Dies ist das Buch, das mir sagt, was richtig ist und was falsch. Die Dienstvorschrift. Hier steht alles, was ich wissen muss. Ich und meine Kameraden. Um das geht es nämlich. Wir haben eine gemeinsame Idee. Und diese Idee ist Deutschland. Und wir müssen machen und werden machen, was uns diese Idee befiehlt. Wir haben gar keine Wahl, verstehen Sie, wir müssen handeln, wie wir handeln müssen...“ Er blätterte ein zwei Seiten weiter und las laut vor. „Zur Bekämpfung der Staatsfeinde gehört das bedingungslose Erfassen der nationalsozialistischen Idee. Die Männer der Staatspolizei müssen absolut gleichgerichtet in ihrer geistigen Haltung sein. Sie müssen sich als kämpferisches Korps fühlen. Das ist der Grund, warum so viele Beamte der Staatspolizei gleichzeitig SS-Führer sind. Die Schutzhaft ist dazu da, um Volk und Staat vor jeder staatsfeindlichen Tätigkeit zu schützen. Schutzhaft ist auch Arbeitshaft. Arbeit macht frei, sagt der Führer.“ Wachenheim hob die Stimme. „Aufgabe ist es deshalb, gegen Staatsfeinde die schärfsten Mittel anzuwenden. Gefährdet jemand nach den Ergebnissen der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein Verhalten die Sicherheit des Volkes und des Staates, indem er dem deutschen Volk und der völkischen Bewegung schadet, und er erwarten lässt, er werde die Freiheit weiterhin zur Schädigung der Belange des deutschen Volkes und Reiches missbrauchen, ist mit aller Schärfe vorzugehen...“ Er hob triumphierend den Zeigefinger. „Und das, Gnädigste, sind die Worte vom Führer selbst! Und da kommen Sie daher und wollen mir sagen, was richtig ist und was falsch.“ Er schnaufte. „Schutzhaft ist auch Arbeitshaft. Arbeit macht frei, sagt der Führer. Und er hat Recht. Der Führer hat immer Recht.“
   „Es sind Worte“, erwiderte sie, um Ruhe bemüht. „Worte, die dazu da sind, dass Leute wie Sie sich dahinter verstecken können.“
   „Und“, bellte er, „was ist dabei? Was ist dabei, wenn ich tue, was unser Führer sagt?“ Er stand auf und beugte sich über sie. „Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man genau hinsieht, dann erkennt man, dass wir... ich... noch nicht einmal getan habe, was ich nach den Buchstaben dieser Vorschrift hätte tun müssen. Ich hätte nämlich verhindern müssen, dass dieser saubere Judenlümmel, dieser sogenannte Professor Lippmann, der unwertes Leben schützen und damit den deutschen Staat schädigen wollte, dass wir diesen Mann mit seiner Familie überhaupt haben entkommen lassen. Ohne ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“ Wangenheim stiess seinen Atem aus. Elise spürte ihn angeekelt und zwang sich trotzdem, ihren Kopf stillzuhalten. Wangenheim hob die Hand, sie schwebte für ein, zwei Sekunden unentschlossen über Elises Kopf, als wolle er ihr Haar streicheln, dann zog er den Arm zurück und fuhr eindringlich, fast flüsternd fort: „Verstehen Sie denn nicht? Man hat ihren Mann nachts dabei erwischt, wie er heimlich, in einem alten Rucksack, nicht gemeldetes Geld, mehrere Millionen, transportiert hat, wahrscheinlich, um die Kommunisten oder sonstiges Gelump zu unterstützen. Und ich sitze hier und unterhalte mich mit seiner Frau, auch wieder heimlich, na ja, jedenfalls nicht offiziell, und ich habe Befehl gegeben, dass Ihrem Mann – noch - kein Haar gekrümmt wird. Und warum das alles?“
   „Ja“, sagte sie trocken, „warum das alles?“
   „Ich wollte mit Ihnen reden, Sie sind so... anders... sind nicht einzuschüchtern. Das imponiert mir. Einerseits imponiert mir das, anderseits ärgert es mich zutiefst. Ich mag es nicht, wenn die Dinge in der Luft hängen. Ordnung, seitdem meine Eltern mich...“ Er wollte weiterreden, aber Elise sah, wie sich etwas in ihm aufbäumte, als ob ihm klar wurde, dass er zu viel von sich preisgab, sodass er den Satz abrupt abbrach, fast erschrocken abbrach, als hatte er plötzlich Angst, sich etwas zu vergeben; sich ausgerechnet vor ihr etwas zu vergeben, und dass sie das als Schwäche auslegen könnte. Das merke ich mir, dachte sie, er will mit mir reden, aber er getraut sich nicht. Warum will er mit mir reden? Um sein Gewissen zu erleichtern? Wohl kaum. Wangenheim sah nicht so aus, als mache ihm sein Gewissen Sorge. Das, was ihn bewegte, musste tiefer sitzen, vielleicht sogar existentiell wichtig für ihn sein. Aber all das konnte sie nur ahnen. Sie würde warten müssen, ob sein tiefsitzender Unmut einen Weg ins Freie finden würde, und sie konnte nur hoffen, dass dies langsam und mit gewissem Bedacht geschehen würde. Und nicht mit einer Eruption, die ihn möglicherweise ratlos und verletzt zurücklassen würde; so verletzt, so ratlos, dass er seinen Zorn an ihr oder, schlimmer noch, an Wolf, auslassen würde.
   Nun, sie würde es nicht ändern können. Sie konnte nur ruhig bleiben. Und berechenbar.
   Elises Blick fiel auf den Schrank. Und auf die Tür, an deren Innenseite die Fotos der fröhlichen Mädchen klebten. Was machst du dir Gedanken über diesen Verbrecher, schalt sie sich, als ob er es ist, der Hilfe bedarf. Was für ein Hohn im Angesicht des Leids, das er und seinesgleichen Tag für Tag verursachten! Aber natürlich ging es auch und jetzt besonders um Wolf und um ihrer beider Leben, und mehr Waffen als ihre Überzeugungskraft hatte sie nicht. Und dafür musste sie wissen, was in Kopf dieses Mannes vorging.
   Ich drehe mich im Kreis, ich drehe mich immer im Kreis, dachte sie deprimiert; und tue so, als ob ich wirklich eine Wahl habe.
   Sie umfasste ihre Ellbogen, als ob sie sich schützen wollte. „Ich muss raus hier“, sagte sie, „an die frische Luft, wenn Sie nichts dagegen hätten...“
   Er hatte nichts dagegen. „Kommen Sie“, erwiderte er, „ich zeige Ihnen was, draußen, im Garten, das wird Sie aufheitern.“
  Von der Küche führte eine Tür in den Kräutergarten, der von Büschen eingerahmt war. Ein schmaler geharkter Weg führte hindurch. Bohnenstangen, Tomaten, Rhabarber, Kürbisse, Kräuter, Mohrrüben. Bienen summten. Die Hitze hüllte alles ein. Eine Welt für sich. Eine friedliche Welt. Als ob es Sorgen nicht gäbe... Als ob jemand ihr zeigen wollte, dass es trotz allem eine Welt gab, in der Sorgen nicht am Platz waren.
   Doch diese Welt war klein, und Wangenheim war schnell hindurchgeeilt. Rasen und Bäume in Reih` und Glied. Wangenheim wandte sich um und zeigte im Gehen auf die Bäume: „Alles Nussbäume, man hat mir gesagt, dass es in der Kaiserzeit Auflage gewesen ist, Nussbäume anzupflanzen, weil aus dem Holz Gewehrschäfte gemacht wurden.“
   Wie sinnig, dachte Elise, das trifft sich ja jetzt ganz gut mit den neuen Herren. Sie wollte etwas Ähnliches sagen, aber da war Wangenheim schon zwischen den Büschen auf der anderen Seite des Rasens verschwunden. Elise folgte ihm widerwillig.
   Ein schattiger Platz unter hohen Buchen. Eine hohe Umfassungsmauer. Vor der Mauer, an der Mauer, ein Drahtkäfig, zehn Meter lang, drei Meter hoch. In ihm die staksigen Reste abgestorbener Bäume. Auf den Ästen verteilt saßen bunte Vögel. Sie flatterten auf, als Wangenheim auf sie zustürmte.
   Eine Voliere. Eine riesige Voliere.
   Wangenheim wartete ungeduldig, bis Elise aufgeschlossen hatte.
   „Sehen Sie“, sagte er stolz, „sind sie nicht schön, diese Tiere, ja geradezu majestätisch? Obwohl sie gefangen sind? Dabei sind sie ganz zutraulich, zumindest der da drüben.“ Er zog einen Riegel zurück, öffnete ein Gatter und ging hinein. Fast augenblicklich kam ein Vogel geflogen, flatterte über dem ausgestreckten Arm und hopste, die Krallen zuerst, auf Wangenheims Faust. Es war ein großer Vogel, so groß etwa wie ein Uhu. Sein Gefieder glänzte grün, als läge die Abendsonne auf seinen Federn. Gesicht, Augen, Schnabel, alles schwarz. Nur unterhalb des Schnabels zwei indigoblaue Flecken. An den Flügelansätzen leuchtete es Türkis, als trüge er darunter ein noch imposanteres Federkleid. Den langen spitzen Schnabel presste er stumm zusammen und strich damit vertraulich über Wangenheims Hand.
   Wangenheim stand da, kindlichen Stolz im Gesicht.
   „Ich durfte nie ein Tier haben als Kind, erst recht keinen Vogel, mein Vater hätte mich erschlagen, wenn er mich mit einem erwischt hätte. Aber dieser Bursche hat mir vertraut, von Anfang an.“ Das schien ihn zu verwundern, und er würde nicht müde, dem grünen Vogel mit einem Finger im Nacken zu kraulen.
   „Was für ein schöner Vogel.“
   „Er kommt aus dem Himalaya. Ein ... lassen Sie mich nachdenken... ja... ein Gold...stirnblattvogel. Ein so schönes Tier, und so weit weg von zu Hause. Ein Bruder dieses Professors war wohl Botschafter, hat ihn mitgebracht. Sie kommen viel rum, dieses Judenpack, immer unterwegs, um ihr Spinnennetz enger zu ziehen.“
   Elise sagte nichts. Sie wandte sich ab.
   „Sie mögen es nicht, wenn ich diese Dinge sage“, brummte er. „Obwohl es die Wahrheit ist.“
   „Sie wissen genau, dass das nicht stimmt. Ich frage mich, warum Sie den Menschen gegenüber so feindlich eingestellt sind.“
   Er stutzte. „Weil die Welt mir gegenüber feindlich eingestellt war, das ist die Wahrheit.“ Er erwartete, dass sie antwortete, aber sie tat ihm nicht den Gefallen. „Diese Wahrheit“, fuhr er fort, „die Wahrheit ist doch, dass niemand von der Wahrheit lebt, und die Wahrheit deshalb niemanden interessiert. Wir erschaffen uns unsere eigene Wahrheit selbst, sie ist doch nur die Summe von all dem, was den Menschen zum eigenen Vorteil dient. Und abhängig davon, welche Macht sie innehaben. Das ist es nämlich. Wahrheit ist Macht.“ Am seinem rot angelaufenem selbstzufriedenen Gesicht sah sie, dass er sich freute, eine ihm genehme Formel gefunden zu haben. „Macht, Macht, Macht“, schrie er, „letztlich hilft nur, wenn man selbst die Macht hat. Die Wahrheit? Die Wahrheit folgt ihr auf dem Fuß. Die Wahrheit ist eine Hure.“ Atemlos stand er vor ihr und blickte sie herausfordernd an.
   „Dann glauben Sie, dass ich auch eine Hure bin.“
   Für einen Moment war er ratlos. „Das müssen Sie selbst entscheiden“, stieß er schließlich hervor. „Die Wahrheit folgt der Macht, sagte ich das nicht? Fragt sich nur, welche Wahrheit Sie hören wollen.“
   Sie war zufrieden mit sich. Es erleichterte sie, dass Wangenheims gehässigen Ausbrüche sie kalt ließen. Als ob sie auf einer Klippe stand und tief unter ihr tobte das Meer. Bin ich selbstzufrieden? Bin ich überheblich? Kommt nicht Überheblichkeit vor dem Fall? Immerhin, ich habe den Bären aus der Höhle gelockt, dachte sie zufrieden, er brummt und droht und ist sich seiner selbst nicht sicher. Es ist eben nicht so, dass ich dem Kerl einfach so ausgeliefert bin. Noch ist der Kampf zwischen uns nicht wirklich entschieden.
   „Sie sind ein armer Mensch“, sagte sie fast teilnahmslos, „Sie tun mir leid. Trotz allem.“  
   Für einen Moment glaubte sie, dass er sie anspringen würde vor Wut, dass er sogar durch den Zaun springen würde, um sie zu erwürgen. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück. Er sah den Schrecken auf ihrem Gesicht und blieb stehen. Keuchte, überlegte, grinste unsicher, strich sich über den Kopf, als wolle er sich vergewissern, ob noch alles dran war, sah in den Himmel, senkte wieder den Kopf und pustete seinen Atem in einem langem Stoß hinaus.
   Dann, plötzlich, grinste er. „Fast hätten Sie es geschafft! Es ist nicht zu fassen, fast hätten Sie es geschafft, hätten es wieder geschafft, mich dahin zu bringen, dass ich nicht mehr nachdenke, dass ich genau das tue, was Sie von mir erwarten, mich wie ein Unmensch aufzuführen.“ Er schnalzte mit der Zunge und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie beim Skat. Keine vernünftige Karte in der Hand, nur eine Herzdame und ihren König, alle Trümpfe, alle Buben bei mir. Grand mit Vieren, nicht zu verlieren, und trotzdem tun Sie so, als ob Sie mir erklären müssten, wie das Spiel zu spielen ist, und dass es auf Dinge ankommt, die mit dem Spiel gar nichts zu tun haben, als ob ich nicht wüsste, wie stark mein Blatt ist...“
   Fast augenblicklich war der Sturm vorbei. Seine Wut war nur noch ein laues Lüftchen, fast machte sich so etwas wie Gutmütigkeit in Wangenheim breit.
   „Es ist ein so schöner Sommerabend“, sagte er heiser. „Und wir streiten uns. Und das ist schade.“
   Sie nickte, weil er ihr Nicken erwartete. Sollte sie ihm sagen, dass es Teil ihrer Strategie (wenn es denn überhaupt so etwas Hochgestochenes wie eine Strategie war) sein musste, ihn zu verunsichern?
   Gib dem Affen Zucker.
   „Ihr schöner grüne Vogel“, sagte sie, und blickte unschuldig, „Hat er einen Namen?“
   „Hermann“, lachte er, „jedenfalls hat man mir gesagt, dass er Hermann heißt. Keine Ahnung, wie die gerade darauf gekommen sind.“
   „Schade eigentlich. So ein schönes Tier und so ein Name. Man sollte sich seinen Namen selbst aussuchen können.“
   „Menschen auch?“
   „Menschen auch, natürlich, Menschen auch, wie würden Sie heißen wollen?“
   Erstaunlicherweise überlegte er nicht lange. „Sie werden lachen. Hermann. Wie Hermann Göring. Hermann wäre gar nicht schlecht. Es klingt so... normal... so, als ob man abends von der Arbeit nach Hause kommt... die Kinder springen einem entgegen... und die Frau schimpft, dass man die dreckigen Schuhe nicht ausgezogen hat...“
   „Hermann der Cherusker. Ein deutscher Held. Hat die Fremden im Land vernichtend geschlagen...“
   Es war ironisch gemeint, aber das sah er nicht. Er schüttelte den Kopf. „Das meinte ich nicht, ich bin auch nicht wirklich ein Heerführer, der an vorderster Stelle... Ich mag eher das Normale...“
   „... wo alles seine Ordnung haben muss.“
   „Weil alles seine Ordnung hat, endlich seine Ordnung hat. Und es auch so bleiben wird...“
   „ ... bleiben wird? Kinder können krank werden, einen Unfall haben...“
   „Aber die Ordnung, die grundlegende Ordnung bleibt doch, man weiß, wofür und für wen man etwas tut...“
   „Und wenn eine andere Regierung an die Macht kommt und beschließt, dass Ihre Art zu leben nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmt...“
   „Dann würde ich kämpfen, natürlich würde ich...“ Erst jetzt merkte er, dass er in eine Falle gelaufen war. „Irgendwie“, seufzte er kopfschüttelnd, „irgendwie hatte ich geglaubt, dass wir uns zusammenraufen könnten, aber...“
   „... aber irgendwie stimmt das doch“, unterbrach sie ihn, „Sie würden Ihre Familie oder die Ordnung, die sie verkörpert, schützen. Und ich will das auch.“
   Er schüttelte den Kopf und schlug mit den Fäusten gegen den Maschendraht. Die Vögel, die sich mittlerweile auf den kahlen Ästen niedergelassen hatten, stoben auf und flatterten um Wangenheim herum. Er versuchte sie zu beruhigen, lockte, schnäbelte und schnalzte und rief jedes einzelne der grün-gelben, gold-violetten, braunen und grün aufflatternden Tiere mit Kosenamen. Es dauerte nicht lange, und er hatte ihren Disput vergessen, vielleicht sogar vergessen wollen. Er war selig, dass die Tiere auf ihn reagierten, sich auf seine Schultern setzten, sogar auf seinen Kopf.
   Vielleicht ist genau das die Methode, um an ihn heranzukommen, dachte Elise, kleiner sein und niedlich und bedingungsloses Zutrauen zeigen, und gar nicht daran zweifeln, dass alles gut ausgehen wird. Bedingungsloses Zutrauen, bedingungslose Unterwerfung. Sie seufzte. Sie war nicht der Typ, der sich niedlich machen konnte wie die buntschillernden Vögel, sie war erst recht kein Mensch, der sich turtelnd unterwerfen konnte. Jedenfalls nicht einem Schlächter wie Wangenheim. Und sonst? Und sonst vielleicht gern. Wenn es den richtigen Mann gab. Tief in ihrem Herzen war sie Romantikerin, aber sie hatte nie so leben können. Und die Männer? Kein Mann hatte sie so sehen wollen. Oder doch? Pierre Vernin? Pierre Vernin. Ja, eventuell, aber das Schicksal hatte es anders gewollt, hatte sie vorsorglich, ehe es zu spät war, aus der Kuschelecke wieder zurück auf den Kampfplatz gelotst. Und hier stand sie nun, kämpfte um ihren Mann, machte gute Miene zum bösen Spiel und musste höflich lächelnd einem Erpresser zusehen, der wie ein kleines Kind mit Vögeln spielte.
   Irrwitzig.
   Irgendwo hinter ihnen beim Haus brummte ein Automotor. Wir sind also doch nicht so allein, wie es den Anschein haben soll.

......




Elise zog an der Kordel der Nachttischlampe, machte Licht und sah auf die Uhr. Mitternacht, zwei Minuten vor Mitternacht. Das Zimmer, in dem sie lag, war ein Schlafzimmer, das typische Elternschlafzimmer, Doppelbett, Kleiderschrank, Schminktisch, Schuhschrank, Kommode. Geblümte, weite Vorhänge. Weißer Teppich. Gemütlich. Wenn man es so mochte.
   Als sie Wangenheim auf dem Flur Gute Nacht gesagt hatte, vor etwa einer Stunde, hatte sie nicht gehofft, so luxuriös schlafen zu können. Ihr Gastgeber – wenn man ihn so nennen wollte – war guter Dinge gewesen, ganz ruhig, ganz gesammelt, ganz freundlich, und langsam hatte sich eine vage Hoffnung eingeschlichen, dass schließlich und endlich doch alles gut ausgehen könnte, dass ihre offenen Gespräche nicht nutzlos gewesen waren, dass sie es irgendwie geschafft hatte, das Böse im Zaum zu halten und das Gute zu locken.
   Sie zog die Kordel an der Lampe noch einmal und beobachtete, wie der Glühfaden der elektrischen Birne rötlich verglimmte. Sie legte sich zurück ins Kissen und versuchte zu schlafen.
   Sie hatten noch zwei Stunden im Salon gesessen und über belanglose Dinge gesprochen. Zu Elises Überraschung hatte Wangenheim Klavier gespielt. Eine Sonate von Chopin. Das ist doch ein Jude, hatte sie gesagt, um ihn zu reizen. Kein Jude, hatte er gegiftet, als ob er für einen Moment glaubte, in etwas fürchterlich Schlimmes geraten zu sein. Ist er doch, hatte sie geantwortet. Aber da hatte Wangenheim schon gemerkt, dass sie ihn nur reizen wollte und hatte, nun ganz ruhig, angefügt, glauben Sie mir, wenn wir eines wissen, dann wissen wir, ob jemand arisch ist oder nicht, und Chopin ist bestenfalls slawisch, auch schon schlimm genug, aber seine Musik ist voller tiefer Gefühle, wie nur wir Deutschen sie haben können, und deshalb lasse ich nichts auf ihn kommen.
   Sie fragte ihn, wo er so gut spielen gelernt hatte. Zu Hause natürlich, antwortete er, da kennen Sie das erzkonservative Pfarrhaus nicht. Pfarrerskinder können geprügelt und gedemütigt werden, aber geistige Erhebung und Säuberung ist ein Muss, und die kommen am besten durch das Gebet, aber eben auch durch die Musik.
   „Mit der Zeit“, hatte Wangenheim hinzugefügt, „habe ich gemerkt, dass die Musik mir viel brachte. Es war eine Art Flucht vor meinen Peinigern. Jeder Mensch ist mit der Musik allein, es kommt nur darauf an, was er mit ihr macht, in seinem Gehirn, mit seinen Gefühlen, meine ich. Es war wie eine Insel für mich. Und ist es noch heute.“
   Das Stück, das er spielte, war ihr bekannt. Das Regentropfen-Prélude. Traurig und melancholisch. „Chopin hat es in Mallorca komponiert“, fuhr Wangenheim fort. „Er war mit George Sand dort, einer Pariserin, einer Schriftstellerin, seiner neuen Liebe, und es hat die ganze Zeit geregnet. Er soll das Stück geschrieben haben, als ein Unwetter aufzog, und er Angst bekam. Die Leute damals waren ziemlich empfindsam, müssen Sie wissen, nicht so zupackend wie heute. Und er war ja schließlich nur ein Slawe.“
   Wieso, fragte sie sich, wieso bekommt dieser Mann es immer wieder hin, jeden guten Gedanken sofort wieder zu zerstören? Ein SS-Standartenführer, der Menschen jagt, spielt Chopin, ausgerechnet den nachdenklich-romantischen Chopin, an diesem wunderschönen schwarzglänzenden Flügel (Bechstein, jüdisch) und geht darin auf. Und doch betont er, dass der Komponist eigentlich ein Slawe, ein Untermensch sei. Wie kann man leben, fragte sie sich, wenn man die guten Dinge immer gleich wieder in Frage stellt?
   „Hören Sie“, sagte Wangenheim und spielte mit linken Hand die hellen Töne in leichter Folge, bis langsam die rechte Hand ein dunkles Grollen dazu brachte. „Ein Gewitter zieht auf, noch ahnt man nur, wieviel Unheil es bringen wird, aber es nähert sich, und hören Sie, jetzt, die Klangfarben, die atmosphärischen Schwankungen... Des-Dur... Cis-Moll, herrlich nicht wahr? ... und nun wieder Des-Dur... diese ostinati, die das Werk durchziehen... wirklich wie Regentropfen...“
   Er spielte und redete. Ein musikalisches Gewitter, das vor fast hundert Jahren in Mallorca getobt hatte, zog über Elise hinweg. Sie war tief bewegt, so bewegt, wie schon Generationen vor ihr bei dieser Musik. Nur dass jetzt ein Verbrecher das Konzert gab. Als Wangenheim den letzten Akkord angeschlagen hatte, saßen sie noch eine Weile still und stumm. Eine Kerze flackerte. Elise pustete sie aus.
   „Das war sehr schön“, sagte sie schließlich, „sie hätten Pianist werden sollen.“
   Das hätte uns manches erspart.
   Er schüttelte den Kopf. „Danke für die Blumen. Aber auf die Dauer bin ich nicht der Typ für Gefühlsduselei. Dabei ist auch diese Musik nicht ohne Blut und Gewalt. Hören Sie...“  Er spielte ein Thema. „Zum Beispiel dieser Takt zweiundsechzig, ein Zitat aus dem Bachchoral O Haupt voll Blut und Wunden. Matthäus-Passion... erinnern sie sich? ... Chopin übernimmt Melodie und Harmonisierung der zweiten Textzeile – voll Schmerz und voller Hohn -, sie endet aber nicht auf der Moll-Tonika Cis-Moll, sondern auf dem Gegenklang ... Das Böse... Achtung! ... A-Dur, nur leicht verschleiert durch das `Tropfen` auf der großen Septime gis über A-Dur...“
   Elise verstand kein Wort.
   Wieso ist er jetzt ein anderer Mensch, dachte sie, so ganz mit der Musik verwoben? Wo sind all seine Gedanken über Folterung und Arbeitslager geblieben? Weggeschlossen? Irgendwo hinten im Stammhirn, aber jederzeit greifbar? Und haben sie sich verändert durch die Macht dieser schönen Musik?
   Fragen über Fragen.
   Unnütze Fragen.
   „Ein Haupt voll Blut und Wunden. Voller Schmerz und voller Hohn“, hörte sie Wangenheim sagen. „Verpackt in wunderschöne Musik: Da haben Sie es. Die Welt ist grausam, auch wenn sie schön ist. Es liegt an uns, ob wir Erlösung erlangen oder...“ er hob die Stimme, „... Erlösung erteilen können.“
   Erlösung erteilen. Was meinte er damit? Fühlte er sich wie ein Gott, der Erlösung erteilen konnte? Das ganze Spiel, und ein solches war es ja wohl für ihn, war so... entwürdigend, so, als sei alles bereits entschieden, und man befragte trotzdem die Gänseblümchen draußen auf der Wiese, wie es weitergehen würde. Es ist vorbei, ich werde jetzt nichts mehr ändern können, resignierte sie. Wahrscheinlich war alles umsonst gewesen. Er hatte sie wie ein dressiertes Äffchen tanzen lassen.
   Es gab, das wussten beide, nichts mehr zu sagen. So endete der Abend in einer seltsam aufgelösten melancholischen Stimmung. Einfach so, ohne Entscheidung. Vor Stunden hatte Elise noch damit gerechnet, dass es eine Art Ergebnis geben würde, von Wangenheim verkündet, etwa so, wie ein Lehrer die Noten seiner Schüler bekanntgibt. Betragen: aufmüpfig, stört den Unterricht, mit Bedenken versetzt nach Klasse...
   Nichts von alledem.
   Am Ende nur Musik. Des-Dur, Cis-Moll, ein Haupt voll Blut und Wunden.
   Meinte er Wolf damit?
   Und dann ein unpersönlicher Händedruck an der Schlafzimmertür. Schlafen Sie gut. Es wird schon alles gut werden.
   Es wird schon alles gut werden.
   Noch so ein Spruch.
   Sollte sie ihm trauen?
   Sie schloss die Augen.
   Schlaf jetzt!
   Erschöpft driftete Elise auf gläsernen Gedanken dem Schlaf entgegen, als sie das Knacken hörte.
   Es kam von der Tür. Sie sah, dass nun Licht unter ihr hindurch fiel. Ein schmaler waagerechter Spalt.
   Der Spalt vergrößerte sich. Er gab das helle Viereck der offenen Tür frei.
   Eine schwarze Silhouette.
   Eine schwarze Silhouette, die verschwand, als sie in den Raum trat, und die Tür sich wieder schloss.
   Sie hatte Unrecht gehabt. Die Zeugnisverteilung hatte gerade erst begonnen.



9




Elise wurde durch einen Sonnenstrahl geweckt, der ihre Nase entlang wanderte und sie zum Niesen brachte.
   Irgendwo draußen bimmelte eine Kirchenglocke. Neun Mal.
   Nicht rühren, mach die Augen nicht auf, sagte sie sich, vielleicht liegt er noch neben dir und er wird wach, und alles geht von vorn los. Die Erinnerung löste schlagartig einen Anfall aus. Ihre Lunge krampfte sich zusammen und ihre Gedanken füllten sich mit fliehenden Schatten, die auf Wolken dahinglitten. Es war eine blinde, erbarmungslose Panik, die ihr den Atem raubte und sie zu ersticken drohte. Als sich nichts tat, beruhigte sie sich langsam. Sie spürte die getrockneten Tränen auf ihren Wangen.
     Sie lauschte.
   Nichts. Nur das Rauschen des Windes draußen in den Bäumen. Nussbäume. Gewehrschäfte. Sie keuchte und sog Luft ein, bis sie wieder gleichmäßig atmen konnte. Die Schatten lösten sich auf. Ihr Gehirn war jetzt leer. Sie tastete nach dem Nachttisch und knallte mit dem Handrücken dagegen.
   Sie öffnete die Augen.
   Sie war allein!!!
   Sie schloss die Augen noch einmal, diesmal vor Erleichterung. Ihre Gedanken wanderten durch ihren Körper, suchten die Stellen, die wehtaten. Sie beugte die Beine, streckte die Arme, drehte den Kopf. Ab und zu durchzuckte sie ein Schmerz, aber das störte sie nicht sehr. Im Gegenteil, sie nahm es als ein Zeichen der Hoffnung. Dass alles vorbei war.
   Als sie aufstand, fühlte sie Schwindel. Sie verharrte für Sekunden und wartete ab, bis sie ohne zu schwanken stehen konnte. Das Zimmer lag ordentlich, unpersönlich, vor ihr, als ob nichts geschehen war.
   Ich brauche ein Bad. Und viel Seife. Und eine Bürste, am besten eine Wurzelbürste, die ordentlich wehtun wird.
   Zunächst aber musste sie wissen, ob sie allein war im Haus. Sie machte einen Rundgang. Von Wangenheim keine Spur. Nur ein dreckiger Teller in der Küche.
   Die Haustür war nicht abgeschlossen.
   Als sie zur Treppe zurückging, sah sie den Zettel auf der untersten Stufe. Sie spürte, wie der Schreck sie durchfuhr. Das Zeugnis. Es konnte nichts anderes sein als die endgültige Mitteilung, was mit ihrem Mann sein würde. Sie setzte sich auf die Stufe und legte die Hände, die den Zettel hielten, auf ihre Knie. Wenn dies alles gut vorübergehen würde, dann würde sie den Göttern danken und hoffen, dass deren Neid oder Zorn sich nun erledigt hatte, und dass sie und Wolf in Zukunft ganz ruhig, ganz unaufgeregt würden leben können. Nur für sich da sein. Ohne große Träume, nur die Gegenwart genießen.
   Tod oder Leben.
   Was für eine Dimension.
   Alles oder nichts.
   Der Zettel war sogfältig gefaltet. Sie kniff die Augen zusammen und klappte ihn auf. Sie öffnete die Lider einen winzigen Spalt, schielte hindurch und sah im undeutlichen Nebel, dass das Papier beschrieben war. Handschrift. Vier Zeilen.
   Reiß dich zusammen!
   Mit einer Gewaltanstrengung öffnete sie Augen ganz und las, innerlich auf das Schlimmste vorbereitet:

  MEIN FAHRER WIRD UM ELF DA SEIN
  UND DICH ZU DEINEM MANN FAHREN
  VIELLEICHT BIS BALD
SUUM CUIQUE
E.




      Wie sollte sie das Gefühl nennen, das sie erfüllte? Erleichterung? Zu banal. Freude? Zu allgemein. Jubel? Zu platt.
   Leere?
   Ja, Leere, das war`s. Ist es möglich, dass eine übergroße Leere einen Menschen überwältigt?
   Natürlich nicht. Natürlich ja, jedenfalls in besonderen Fällen. Etwa, wenn eine Frau ihren Mann mit allen Mitteln dem Untergang entreißt.
   Ihre Gedanken rasten in unterschiedliche Richtungen davon. Wolf ist gerettet! Was ist mit mir? Wolf ist gerettet! Was ist mit mir?
   Elise spürte, dass sie weinte. Sie stand auf und ging ins Bad. Sie stellte sich in die Badewanne und befestigte die Dusche an einem Haken. Das Wasser kam in einem kalten Schwall herausgeschossen und überschwemmte sie, und zerrte an der malträtierten Haut. Tu mir weh, stöhnte sie, zeig es mir, tu mir ruhig weh, ich will wissen, dass ich existiere, und dass niemand mir dieses Gefühl nehmen kann. Sie rieb sich mit Seife ein, wieder und immer wieder. Das eiskalte Wasser, die sie überschwemmende Seife, die grantige Wurzelbürste. Wenn ich herauskomme, schwor sie sich, wenn ich herauskomme, bin ich ein neuer Mensch. Unbefleckt. Ich werde alles vergessen, nur noch nach vorn schauen, nur auf meine eigenen Fußspitzen, soll doch die Welt machen, was sie will... Aber schon, als sie sich abtrocknete, wusste sie, dass es so nicht gehen würde. Sie war eben so, wie sie war. Ich habe nur mich selbst, nur einmal. Man ist kein anderer, als der Mensch, der man ist – und kann nie ein anderer werden. Das ist schade. Das ist tröstlich. Das ist wie eine Last.
   Sie seufzte.
   Erst später, als sie sich angezogen hatte, fiel ihr ein, dass auf dem Zettel nicht nur von Wolf die Rede gewesen war. Sie nahm das Papier, das sie auf der Treppe liegengelassen hatte und las es noch einmal.
   Mein Fahrer wird dich zu deinem Mann fahren. Wird dich. Er duzt mich, dachte sie. Natürlich. Er duzt mich, ganz beiläufig, und wie selbstverständlich, sie waren sich jetzt keine Fremden mehr, rein körperlich gesehen. Geistig gesehen war und blieb der Kerl Lichtjahre entfernt. Selbst ein „Sie“ war zu schade für ihn.
   Mein Fahrer... wird dich zu Deinem Mann fahren. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Wenn man es genau betrachtete, sagte der Satz nicht allzu viel aus.
Lebte Wolf?
Wenn ja, war er frei?
Oder würde man ihn frei lassen?



. Druckversion ©2005 Wolfgang Bellmer
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Foto Wolfgang Bellmer
Wolfgang Bellmer Text & Farbe
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Wolfgang Bellmer, Jahrgang 1940, Notar i.R., in Holzminden geboren, ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er lebt in Holzminden, Berlin und im Ostseebad Rerik. Er arbeitet als Maler und Schriftsteller und leitet eine Immoblien-Firmengruppe (siehe Biographie).