.

AKTUELLER TEXT - ARCHIV


...

Edvinas Grab lag im hintern Teil des Friedhofs.
   Es war ein alter Friedhof, nicht so anonym und durchgeplant wie die neuen. Die Wege waren schmal, Jahrhunderte alte Buchen und Linden breiteten ihre Äste weit aus. Durch das Blätterdach fielen zaghafte Sonnenstrahlen. Büsche drängten sich heran, ab und zu gaben sie die Sicht auf verwunschene Monumente aus versunkenen Zeiten frei. Eine abgebrochene Säule, die an ein abgebrochenes Leben erinnerte, zwei Obelisken und direkt am Weg eine steinerne Nymphe, die sich weinend auf eine Urne stützte. Auf einer Lichtung ein Tempel, der einen antiken Giebel trug. Damals hat man auf den Tod noch etwas gehalten.
   Edvinas Grab war nur zwei Reihen entfernt. Es war mit Kantensteinen umrandet und trug nur einen einfachen glatten Stein mit schnörkelloser Schrift, was inmitten all der Marmorkreuze, der Putten, Säulen und traurig blickenden Engel irgendwie lieblos und deplaziert wirkte. Das Grab selbst war dicht mit Begonien bepflanzt.
   Inmitten der überquellenden Blüten lag ein Mann. Der Kopf war voller Blut.
   Wenn man einen Toten findet, denkt man nicht automatisch an Mord. Auch nicht, wenn die Leiche sinnvoller Weise gleich auf dem Friedhof vor einem Grabkreuz liegt. Und erst recht nicht, wenn man den Toten kennt.
   Ich hatte noch nie eine Leiche gesehen. Ich legte die Hand an seinen Hals. Kein Puls. Die Haut war kalt.
   Was geht einem durch den Kopf, wenn man einen Toten findet? Ich habe nicht geschrien oder geweint. Ich stand breitbeinig über dem toten Körper und blickte mich um. Niemand zu sehen. Das hat er trotz allem nicht verdient, dachte ich. Oder vielleicht doch? Er hatte wohl nicht lange leiden müssen. Ich beugte mich zu dem blutigen Kopf hinunter. Die Augen waren offen. Ich hätte gedacht, dass jemand, der von hinten eins auf den Kopf bekommt, erstaunt das Gesicht verzieht, aber dafür hatte er keine Zeit mehr gehabt. Er sah aus, als ob er schliefe, wenn die Wunde nicht gewesen wäre.
   Die Wunde.
   Die Wunde verlief über den Hinterkopf und war teilweise durch blutig-verfilzte Haare verdeckt. Sie war etwa fingerlang und an den Rändern weißlich aufgequollen. Etwas Hartes hatte den Kopf getroffen, etwas längeres Hartes.  
   Ich sah mich um, was konnte es gewesen sein?
   Bäume standen nicht in unmittelbarer Nähe. War ein Ast heruntergefallen, als er zum Grab wollte? Ich blickte die Wege entlang und sah nichts, was schwer genug war und heruntergefallen sein konnte. Dann überlegte ich, ob er sich, verwundet wie er war, über längere Distanz zum Grab seiner Frau geschleppt hatte, aber der Kies auf den Wegen war frisch geharkt, und es waren keinerlei Schleifspuren zu sehen.
   Es war also hier passiert.
   Also Mord. Jemand hatte ihn von hinten erschlagen, als er vor dem Grab stand oder kniete. Hatte er gebetet? Erst jetzt sah ich die Rose, die er in der rechten Hand hielt. Ich zog leicht an ihr, aber die starre Faust ließ den Stiel nicht los. Hatte das etwas zu bedeuten? Ich wusste es nicht. Die Polizei vielleicht.
   Die Polizei. Natürlich, die Polizei. Es war ein Mord geschehen, und die Polizei musste gerufen werden. Das deutsche Fernsehen ist ja voll von Krimis, manchmal denkt man, es gibt nichts anderes mehr als Krimis in unserem bundesdeutschen Fernsehleben, und da wusste ich natürlich, dass ich nichts anrühren durfte. Man darf sich auch nicht entfernen. Ich blickte auf meine Finger, deren Kuppen blutig waren. Ich nahm mein Taschentuch und putzte sie sauber. Nun war das Blut am Taschentuch.
   Ich stieg vom Grab herunter, und während ich zurückging, sah ich meine Fußabdrücke auf der weichen Erde. Ich blickte mich um und sah meine Fußabdrücke überall, vor dem Grab und auf dem Grab. Panik erfasste mich. Was ich auch machte, ich produzierte neue Spuren!
   Ich dachte nach. Das ist meistens hilfreich. Die Panik ebbte ab. Sie konnten mich mal, ich hatte nichts Unrechtes getan. Zudem bleibt kaum ein Mörder am Tatort und ruft gleich die Polizei. Sie würden nicht glücklich sein, dass ich auf dem Grab herumgeklettert war, okay. Wenn es Spuren gegeben hatte, so hatte ich sie jedenfalls zerstört.
   Idiot!
   Aber ich war schließlich ein Neuling, wenn es um das Auffinden von Toten ging. Entschuldigen Sie bitte, Herr Kommissar.
   Ich nahm mein Handy ohne Rücksicht darauf, ob ich blutige Spuren auf ihm hinterlassen würde. Ich erreichte den Notruf und berichtete, dass ich einen Toten gefunden habe. Wo? Auf dem Friedhof. Wollen Sie uns verarschen? Ich verneinte, und der Beamte ermahnte mich programmgemäß, nichts anzufassen und am Ort zu bleiben. Schön, dass sich auch die realen Polizeibeamten nach den Vorgaben im Fernsehen richten...
   Ich setzte mich auf eine Bank auf der anderen Seite der Tujahecke. Der Friedhofswärter kam mit einer Karre vorbei, und ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, dass dort drüben, zwischen seinen neuen freien Grabstellen, ein frischer Toter lag. Sozusagen unangemeldet. Ich tat es nicht, er mampfte gerade ein Brötchen und hielt die Augen ärgerlich auf eine Frau gerichtet, die am Brunnen das Wasser nicht abgestellt hatte.
   Friedvolle Stille breitete sich aus. Es ist ein Phänomen, dass die Natur immer ihr eigenes Ding macht. Da können hundert Passagiere mit ihrem Schiff kentern und ertrinken, und kurz darauf kräuselt sich die See lieblich unter einer lauen Brise. Die Natur hat kein Mitleid. Es gibt einen englischen Song, jemand liegt hilflos im Zimmer und stirbt, und draußen zwitschern fröhlich die Vögel.
   Scheiße.
   Ich fragte mich, was der Mörder inzwischen tat. Oder die Mörderin, um politisch korrekt zu sein. Sang er auch fröhlich ein Lied? Freute er sich? Vor Erleichterung, vor Freude, vor Stolz?
   Ich machte eine gedankliche tour de force, aber ich fand niemanden, der als Mörder in Frage kam. Abscheu hatten einige, Hass auch. Aber Mord? Das ist eine andere Liga.  
   Fest stand, dass der Mann, der jetzt tot vor mir lag, in seinem Leben ein Arsch gewesen war, ein Untier. War sein Tod gerecht? Ich schüttelte mich. Nein, so etwas darf man nicht einmal denken. Und doch, irgendjemand musste seinen Tod als gerecht empfinden. Und ich? Ich hatte ihm so oft die Pest an den Hals gewünscht. War ich nun zufriedener? Gab es so etwas wie Genugtuung? Etwas in mir wollte die Frage bejahen, und ich erschrak. Auf diese Ebene niedrigen Denkens wollte ich mich nicht begeben. Ich blickte zu dem Leichnam hinüber und plötzlich fühlte ich Mitleid mit ihm. Er war tot, ich lebte. Es war wichtig für ihn gewesen, bis zuletzt eine Rose in der Hand zu halten. Was für eine rührende Geste in einem beschissenen Tod!
    Dann hörte ich Sirenen, die sich jaulend näherten und jaulend abstarben, und Minuten später waren sie da, zwei mal zwei Polizisten in Uniform. Sie scheuchten den erschreckten Friedhofswärter vor sich her, der noch immer die Brötchentüte in der Hand hielt. Er sah mich vorwurfsvoll an und er hatte ja auch irgendwie recht, er war schließlich so etwas wie der Hausherr hier, und herrenlose Leichen sind schlecht für das Renommee.
   Die Polizisten umringten mich, wussten aber nicht so recht, was sie mit mir machen sollten. Aber ich machte mir nichts vor, irgendwann würden sie darauf kommen, dass ich eine Menge zu sagen hatte.


  

...


1




1996
HOLZMINDEN/WESERBERGLAND




Jörg Zedelius traf seine Beate zwölf Jahre bevor die Bombe platzte.
   Es war ein Spätsommertag. Nach den letzten Ferien vor dem Abitur bezog Jörg wieder seine Bude unter dem Dach des Internates. Unten auf dem Flur drängten sich die jüngeren Schüler und  verabschiedeten sich tränenreich von ihren Eltern. Jörg konnte sich nicht erinnern, dass sein Vater ihn jemals zur Schule begleitet hatte, geschweige denn, dass ihm Tränen in die Augen traten. War auch gut so. Er lief die Treppe hinunter und verließ das Schulgelände durch das obere Tor.
   In den Strahlen der Nachmittagssonne lagen die Sollingwiesen vor ihm wie von einem warmen wohligen Tuch überzogen. Zwischen Löwenzahn zog sich der Weg den Hügel hinauf. Jörg setzte sich unter einen Holunderstrauch und blickte ins Tal hinunter, durch das sich die Weser schlängelte. Er beobachtete eine weiße Wolke, die über ihn über ihn hinweg segelte, während ihr Schatten über die Wiesen glitt.
   Irgendwo zirpte eine Grille. Eine Libelle verharrte surrend vor seinem Gesicht, als wollte sie ausspähen, was in seinem Gehirn vorging. Jörg dachte an die Standpauke, mit der ihn sein Vater heute Morgen in seiner unnachahmlich gefühlslosen Art verabschiedet hatte, und fühlte sich plötzlich müde und mutlos.
   Als er den Hilfeschrei hörte, schreckte er auf. Verfolgt von zwei Kühen kam ein schwarzhaariges Mädchen die Wiese herab gelaufen, sah Jörg, und ruderte verzweifelt mit den Armen.
   Zwei Kühe folgten ihr in neugierigem Trott. Ab und zu muhten sie leise. Jörg hatte sich kaum aufgerichtet, als das Mädchen schon auf ihn zu flog, sich an ihn klammerte, ihn herumzog und sich hinter ihm verbarg.
   „Rette mich!“, keuchte sie.
   Die Kühe trotteten heran, blieben fünf Meter vor ihnen stehen und glotzten. Eine von ihnen hob den Schwanz und erleichterte sich mit platschendem Schwall. Jörg spürte, wie die Fingernägel des Mädchens sich in seinen Arm gruben, und er ahnte, dass Taten von ihm erwartet wurden. Er trat vor, fuchtelte mit den Armen und rief halbherzig: “Schschsch...!!!, Schschsch…!!!“
   Die Kühe glotzten weiter und bewegten sich nicht, wenn man von den widerkauenden Mäulern absah, aus denen Speichel troff. Jörg spürte den Atem des Mädchens an seinem Ohr. Er trat einen noch einen Schritt vor und machte nun entschlossener „Schschsch...!!! Schschsch...!!!“. Zu seinem Erstaunen senkten die Tiere ihre Köpfe, als hätten sie verstanden, dann trotteten sie davon.
   Jörg machte ein paar lockere Ausfallschritte als Zugabe und genoss die bewundernden Kiekser des Mädchens.
   Zehn Minuten später saßen sie einträchtig unter dem Holunderbusch. Jörg überlegte, ob er etwas sagen sollte.    
   „Ich bin Beate, ich bin neu hier“, verkündete das Mädchen. Diese Nachricht verwunderte ihn nicht, denn er hatte sie noch nie gesehen. Da sie ihn aufmunternd anblickte, nickte er, damit sie nicht dachte, er sei uninteressiert. Dies schien sie zufrieden zu stellen, denn die Worte purzelten nun kunterbunt aus ihr heraus. Er verstand natürlich, dass sie noch aufgeregt war, aber dann fand er doch, dass sie zuviel redete. Außerdem zupfte sie mit spitzen Fingern an ihm herum und entfernte Zigarettenasche von seinem Pullover.
   Er beobachtete sie. Ihre Augen waren blau, kornblumenblau, was er beunruhigend fand, zumal sie ihn ständig anblickten. Warum ließ sie ihn nicht in Frieden?
   Er beobachtete ihre Fingerspitzen, die ein Wollknötchen auf seinen Ärmel fanden, es rollten und abzupften. Sie schnippte die Beute ins Gras. „Ich habe dich vorhin gesehen, als du aus dem dicken Mercedes gestiegen bist“, sagte sie. „War das dein Vater?“
   Er schüttelte den Kopf.
   „Ein Onkel?“, bohrte sie weiter.
   „Ein Fahrer der Firma“, sagte er steif, „mein Vater würde niemals...“
   „Ach so, verstehe“, unterbrach sie ihn. Er wusste nicht, was es da zu verstehen gab.
   Er blickte zur anderen Seite des Tales hinüber. Über dem Gipfel des Berges stand die Sonne rot und rund, als wolle sie auf ihm balancieren. Beate folgte seinem Blick, aber er merkte, dass sie sich immer noch mehr mit ihm als mit der Sonne beschäftigte, denn kurz darauf stupste sie ihn wieder an. „Mach dir nichts draus“, zirpte sie, und ihr kornblumenblaues Lachen strahlte auf ihn ein. Er hatte das Gefühl, als zersplittere etwas Hartes in ihm, während sich der weiche Inhalt angenehm warm in ihm verteilte. Dann spürte er, wie sie ihren Arm um seinen Hals legte und ihn küsste.
    Tausend Geräusche und Gedanken flatterten durch Jörgs Gehirn. Als er schließlich aufsah, blickte er wieder in ihre Augen und fragte sich, ob sie sie überhaupt, wenigstens für einen Moment, geschlossen gehabt hatte. Bestimmt, so argwöhnte er, hatte sie ihn die ganze Zeit betrachtet, damit sie sofort sehen konnte, falls er sich wieder in sein Schneckenhaus zurück zog. Später, als er darüber nachdachte, hatte er das Gefühl, dass Beate es ihr ganzes gemeinsames Leben lang nicht anders gehalten hatte. Er erlebte damals zum ersten Mal ihre betörende Fähigkeit, mit Worten Nähe herzustellen, selbst wenn ihr Gesprächspartner dazu gar nicht bereit war. Und das mit einer Entschiedenheit, gegen die es keine Verteidigung gab.
   Wie auch immer, es war dieser Kuss, der ihn aus der Erstarrung löste, die ihn seit seiner lieblosen Kindheit gefangen hielt.
   In der Klasse saß sie vorn und er ganz hinten, und da die ersten Tage sie voll in Atem hielten, winkten sie sich nur zu, und nach einiger Zeit wusste Jörg nicht mehr so recht, was er von alledem halten sollte.
   Es traf sich allerdings, dass sie sich beide für die Theatergruppe meldeten. Es sollte eine Neueinstudierung geben. Shakespeare. Ein Sommernachtsraum. Klassenschönling Schreyer gab den schönen Pyramus, Beate die Nachbarstochter Thyspe, die ihren Geliebten aus Angst vor ihren verfeindeten Familien heimlich unter dem Lorbeerbaum traf. Jörg landete in der Besetzungsliste weiter hinten. Er war der Lorbeerbaum. Als solcher musste er bewegungslos mit ansehen, wie Thyspe ihren Schreyer-Pyramos küsste. Es war für Jörg nur ein kleiner Trost, dass sich Pyramus kurz vorher in sein Schwert gestürzt hatte.
   Die Aufführung war ein rauschender Erfolg, sodass auch der Lorbeerbaum mehrmals zur Verbeugung vor den Vorhang musste.
  Bei der Premierenfeier zog ihn Beate nach draußen in die warme Sommernacht, wo zwar keine Lobeerbäume auf den Wiesen standen, aber dafür warme, duftende Heuhaufen.
   Von da ab blieben sie unzertrennlich.


Nach dem Abitur kauften sie einen gebrauchten Golf und tourten kreuz und quer durch Europa. Bis sie sich eines Nachts in Salamanca auf der Brücke über den Rio Tormes wiederfanden und die Pärchen sahen, die als Zeichen ihrer Liebe Schlösser an das gusseiserne Geländer schlossen. Am nächsten Morgen kauften auch sie sich ein handtellergroßes Messingschloss, ließen den Bügel um eine Strebe des Brückengeländers einrasten, nahmen sich in den Arme und warfen die Schlüssel in das silbrig fließende Wasser. Nun würde sie nichts mehr trennen können.  
   Als sie zwei Monate später zurück nach Berlin kamen, wohnten sie bei Jörgs Vater Knut in der weißen Fabrikantenvilla am Wannsee. Sie sahen den Alten kaum; der lebte sein Witwerleben in der Firma und überließ es Jörgs resoluter Großmutter Adèle, sich um das Haus zu kümmern. Adèle hatte Beate in ihr altes Herz geschlossen und war traurig, als die jungen Leute nach Kiel gingen, um Chemie zu studieren. Es erschien ihnen zwar nicht besonders einfallsreich dieselben Fächer zu belegen, aber es entsprach nun einmal ihren Begabungen, und außerdem hatte es seine Vorteile. Es halbierte die Arbeit, sozusagen.
   Sie wohnten in dem gelben Hauses gleich hinter dem Wasserturm zur Untermiete bei der nachsichtigen Witwe Hahnekamp. Es war eine sorglose Zeit voller selbstverständlicher Liebe, und es schien nichts auf der Welt zu geben, was ihr Glück behindern konnte.
   Irgendwann, als Beates Regel ausblieb, schlich sich Jörg nach Mitternacht in Witwe Hahnekamps geheiligten Garten und entwendete einen Strauß jener roten Rosen, die Beate wegen ihrer samtenen Blüten so liebte. Dann bat er sie, seine Frau zu werden.

  
...

Er spürte, wie Respekt vor der jungen Frau, die er kaum kannte, in ihm wuchs. Mut hatte sie jedenfalls. Und einen starken Gerechtigkeitssinn. Und eine große Verletzbarkeit. Was für eine Frau! Bisher hatte er seine Suche als eine Pflichtübung gesehen. Agnes Marin gegenüber. Dann hatte sein Vater ihn in etwas hineingezogen, das er noch nicht abschätzen konnte. Aber diese junge Frau, sie gab der Suche einen menschlichen Sinn. Und, sie war in Gefahr. Wenn sie überhaupt noch lebte.
   „Woher wissen sie, dass das Mädchen noch lebt?“, fragte er und fürchtete gleichzeitig die Antwort.
   „Wir wissen es nicht. Wir hoffen es. Sie ist seit mehr als einem Jahr Petersburg, hatte sich dort ein Zimmer genommen und Freunde gefunden.“
   „Und einen der Chefs kennen gelernt“, ergänzte Antonow Einen gewissen Gibranow. Ein perverses Schwein, wenn sie mich fragen. Sie hat uns noch einen Bericht geschickt über einen Steward der BREMEN, die dort angelegt hatte.“
   „Dann war Schluss. Keine Nachricht mehr. Nichts.“
   „Auch nicht, dass sie tot ist?“
   „Auch das nicht.“
  „Was schießen sie daraus?“
   „Dass sie lebt...“
   „...oder dass sie tot ist.“
   „Sehr witzig“, sagte Jörg. Er war genervt. Diese Männer waren einfach lächerlich. War das die Wirklichkeit? Sahen Beamte der Geheimdienste tatsächlich aus? Sie benahmen sich wie Kinder, die im Sandkasten spielten und sich um die einzige Schaufel balgten.
...


...

Er spürte, wie Respekt vor der jungen Frau, die er kaum kannte, in ihm wuchs. Mut hatte sie jedenfalls. Und einen starken Gerechtigkeitssinn. Und eine große Verletzbarkeit. Was für eine Frau! Bisher hatte er seine Suche als eine Pflichtübung gesehen. Agnes Marin gegenüber. Dann hatte sein Vater ihn in etwas hineingezogen, das er noch nicht abschätzen konnte. Aber diese junge Frau, sie gab der Suche einen menschlichen Sinn. Und, sie war in Gefahr. Wenn sie überhaupt noch lebte.
   „Woher wissen sie, dass das Mädchen noch lebt?“, fragte er und fürchtete gleichzeitig die Antwort.
   „Wir wissen es nicht. Wir hoffen es. Sie ist seit mehr als einem Jahr Petersburg, hatte sich dort ein Zimmer genommen und Freunde gefunden.“
   „Und einen der Chefs kennen gelernt“, ergänzte Antonow Einen gewissen Gibranow. Ein perverses Schwein, wenn sie mich fragen. Sie hat uns noch einen Bericht geschickt über einen Steward der BREMEN, die dort angelegt hatte.“
   „Dann war Schluss. Keine Nachricht mehr. Nichts.“
   „Auch nicht, dass sie tot ist?“
   „Auch das nicht.“
  „Was schießen sie daraus?“
   „Dass sie lebt...“
   „...oder dass sie tot ist.“
   „Sehr witzig“, sagte Jörg. Er war genervt. Diese Männer waren einfach lächerlich. War das die Wirklichkeit? Sahen Beamte der Geheimdienste tatsächlich aus? Sie benahmen sich wie Kinder, die im Sandkasten spielten und sich um die einzige Schaufel balgten. Er wollte schon aufstehen und gehen, als eine rothaarige junge Dame von der Bar herüber winkte.
...


...


...

   Die Hotelhalle war schwach beleuchtet. Im Fahrstuhl war das Licht ausgefallen. Nur eine kleine Notlampe brannte über einem vergilbten Plakat von St. Petersburg. Christl saß klein und in sich zusammen gesunken auf einem Klappbänkchen.
   Der Korridor im dritten Stock roch nach Terpentin und altem staubigen Samt.. Sie trennten sich vor Jörgs Zimmertür.
   "Auch wenn die Vergangenheit wieder hoch kam. Hoffentlich war ich nicht zu sentimental", sagte Christl."
   "Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich finde auch, es war ein netter Abend." Er dachte an die Pistole, die sie unter dem Rock trug und wusste nicht so recht, ob er die Wahrheit sagte.
   Christl strich sich eine Locke aus der Stirn. Die Locke fiel wieder zurück" Es war so angenehm entspannt, als würde ich Sie schon lange kennen."
   Jörg wusste, was sie meinte. Es war schön, sich trotz ihrer schlimmen Vergangenheit wieder als junges, unschuldiges Mädchen zu fühlen. Bei einem verständnisvollen Mann. Er strich ihr mit dem Zeigefinger die Locke zur Seite und drückte einen zarten Kuss auf ihre Stirn. Sie zögerte einen Moment, dann wandte sie sich ab und ging die wenigen Meter zu ihrerr Zimmertür.
   "Gute Nacht", sagte sie. Sie drehte sich nicht um.
   Auch gut, dachte jörg.
   In seinem Zimmer knipste er das Licht an. Sein Bett lag aufgedeckt. Die Gardinen waren zugezogen bis auf einen kleinen Spalt, durch den er die goldene Kuppel der Isaak-Kathedrale sehen konnte. Der Koffer lag aufgeklappt vor dem Bett. Er war leer. Jörg öffnete die Schranktür. Seine Sachen lagen sorgfältig aufgeschichtet in den Regalen. Sein Anzug hing auf einem Bügel.
   Ein fürsorgliches Zimmermädchen, dachte Jörg.
   Aber es war nicht nur ein Zimmermädchen im Raum gewesen. Jemand hatte eine Zigarre geraucht. Der Qualm, der nóch leicht in der Luft hing, war noch warm.
...


...
.
©2005 Wolfgang Bellmer